Demokratisches Sprechen: 1. Argumentieren

3 Elemente kennzeichnen das demokratische Sprechen:

  • Die Grundform ist das Gespräch, wobei das Thema meist erkundend und begründend entfaltet wird. Dogmatische Sätze, d. h. als absolut wahr geltende Aussagen, sind verboten. Was nicht bezweifelt werden darf, eignet sich nicht für die Suche nach der Wahrheit.

  • Die Spielregeln des Gesprächs sind Redefreiheit, Begründungspflicht, Sachlichkeitsgebot und redliche Bezugnahme auf das Gesagte. 

  • Die Rechtfertigung eines Standpunktes muss durch ein plausibles und korrekt angewendetes Argumentationsmuster erfolgen.

Ich zeige zunächst ein vollständiges Argumentationsmuster und gehe dann auf Verkürzungen ein. Den Fehlschlüssen widme ich einen eigenen Beitrag.

Vollständige Argumentation

Eine Argumentation ist dann vollständig, wenn folgende Bausteine vorliegen:

These: Hans ist deutscher Staatsbürger.

Argument (Begründung): Hans wurde in Deutschland geboren.

Schlussregel: Wenn jemand in Deutschland geboren wurde, ist er in der Regel deutscher Staatsbürger. Die Schlussregel verbindet die Begründung mit der Schlussfolgerung.

Stützung der Schlussregel: Ein in Deutschland geborenes Kind ist deutscher Staatsbürger aufgrund der folgenden Gesetze x, y, z.

Wahrscheinlichkeitsgrad: vermutlich

Ausnahmebedingung: es sei denn, beide Elternteile sind Ausländer.

Ich komme zu den Verkürzungen beim Argumentieren

Verkürzungen sind charakteristisch für undemokratisches Sprechen. Man muss aber auch sagen, dass in der Alltagsargumentation sehr oft die Schlussregel fehlt, d. h. die Regel, die das Argument mit der Schlussfolgerung verbindet. Beispiel:  These: „Ich nehme einen Schirm mit“. Argument: „Es wird gleich regnen“. Fehlende Schlussregel: „Wenn es regnet, ist es sinnvoll, einen Schirm mitzunehmen, der vor Regen/vor nassen Kleidern schützt“. Die Schlussregel fehlt hier, weil sie als selbstverständlich vorausgesetzt wird. Manchmal wird sie wie z. B. in Leitartikeln oft implizit vorausgesetzt: „Der Staatsverdrossenheit, vor der Willy Brandt warnt, kann nur dann der Boden entzogen werden, wenn die politischen Parteien selbst den Staat und damit die parlamentarische Demokratie ernster nehmen als bisher“ (Frankfurter Rundschau v. 22.12.1976, S. 3). Das Argument lautet: Die politischen Parteien nehmen die parlamentarische Demokratie nicht ernst genug. Die unausgesprochene Schlussregel lautet: Wenn die Parteien die parlamentarische Demokratie nicht ernst genug nehmen, dann bewirken sie Staatsverdrossenheit. Indirekt signalisiert diese Schlussregel auch einen Appell an die Parteien: Nehmt die parlamentarische Demokratie ernst [vgl. Brinker S. 84f.].

Ein aktuelles Beispiel für eine Argumentation, die gegen sehr viele Regeln des vernünftigen Argumentierens verstößt, betrifft die Forderung, dass die Deutschen mehr arbeiten müssten. Hier wird linear gedacht und deshalb das Problem nicht erfasst. Im Kern krankt die Argumentation daran, dass man nur willkürliche Begründungen auswählt und quantitativ, also mit dem Umfang der Arbeitszeit, argumentiert. Es geht offensichtlich um Produktivitätssteigerung und Wohlstandssicherung. Die Arbeitszeit ist aber nur ein Faktor unter sehr vielen Faktoren. Zudem genügt es nicht, Arbeitszeit nur quantitativ zu betrachten. Mit zunehmender Arbeitszeit mehren sich z. B. auch die Fehler, dies sei gesagt, um nur  e i n  Argument gegen eine rein quantitative Betrachtung der Arbeitszeit ins Spiel zu bringen. 

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Entschuldigungen und Rechtfertigungen: Die Rückgewinnung von Vertrauen – Teil 2

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Demokratieschädliches Sprechen. Früherkennung und Bekämpfung.